Temu: EU verhängt 200 Millionen Euro Strafe wegen unsicherer Produkte Temu, EU-Kommission, Digital Services Act
Die EU-Kommission hat gegen Temu eine Strafe von 200 Millionen Euro verhängt, weil der chinesische Online-Marktplatz unsichere Produkte wie Ladegeräte und Spielzeug verkauft und seine Pflichten zur Risikobewertung nach dem Digital Services Act nicht erfüllt hat. Es ist die bislang höchste DSA-Strafe und ein Signal, dass die EU auch gegen nicht-europäische Plattformen durchgreift. Für Käufer ändert sich vorerst wenig, aber die Strafe könnte Temu zu strengeren Kontrollen zwingen.
Die EU-Kommission hat Temu zu einer Strafe von 200 Millionen Euro verdonnert. Der chinesische Online-Marktplatz hat gegen den Digital Services Act (DSA) verstoßen, weil er unsichere Produkte wie Ladegeräte und Spielzeug verkauft und seine Pflichten zur Risikobewertung nicht erfüllt hat. Es ist die bislang höchste Strafe, die auf Basis des DSA verhängt wurde und sie trifft einen Anbieter, der in den letzten zwei Jahren mit aggressivem Marketing und Dumpingpreisen den europäischen Markt aufgerollt hat.
Was genau wirft die EU Temu vor?
Im Kern geht es um mangelhafte Risikobewertung und fehlende Kontrolle über die angebotenen Waren. Temu gilt als Very Large Online Platform (VLOP) nach DSA-Definition und unterliegt damit strengeren Auflagen als kleinere Shops. Die Kommission hat festgestellt, dass der Marktplatz seinen Pflichten nicht nachgekommen ist, systematisch zu prüfen, welche Risiken von den verkauften Produkten ausgehen. Konkret geht es um unsichere Ladegeräte, die nicht den EU-Sicherheitsstandards entsprechen, und gefährliches Spielzeug, das etwa Erstickungsrisiken für Kinder birgt oder Schadstoffe enthält.
Die Strafe basiert auf dem DSA, der seit Februar 2024 in Kraft ist und Plattformen dazu verpflichtet, aktiv gegen illegale Inhalte und unsichere Produkte vorzugehen. Temu hat diese Vorgaben nach Ansicht der Kommission ignoriert. Die 200 Millionen Euro sind kein Pappenstiel, aber gemessen am Umsatz des Mutterkonzerns PDD Holdings auch kein existenzieller Schlag. Wichtiger ist das Signal: Die EU meint es ernst mit der Durchsetzung ihrer Regeln, auch gegenüber chinesischen Plattformen.
Warum gerade Temu?
Temu ist seit 2022 in Europa aktiv und hat mit einer Mischung aus extrem niedrigen Preisen, aggressiver Social Media-Werbung und Gamification-Elementen innerhalb kürzester Zeit Millionen Nutzer gewonnen. Die App war zeitweise die meistgeladene Shopping-App in mehreren EU-Ländern. Doch der Erfolg hat eine Kehrseite: Die Plattform steht seit Monaten in der Kritik, weil sie Produkte anbietet, die in Europa nicht verkehrsfähig sind. Verbraucherschützer und Behörden haben wiederholt auf fehlende CE-Kennzeichnungen, mangelhafte Produktinformationen und unzureichende Rückverfolgbarkeit hingewiesen.
Dass die Kommission ausgerechnet Temu ins Visier nimmt, ist kein Zufall. Der Marktplatz ist zum Symbol für einen Trend geworden, der regulatorisch schwer zu fassen ist: Direktimporte aus China, die ohne nennenswerte Qualitätskontrolle in Europa landen. Andere Plattformen wie AliExpress oder Shein stehen ebenfalls unter Beobachtung, aber Temu hat sich durch sein rasantes Wachstum und seine Intransparenz besonders exponiert.
Was bedeutet das für Käufer?
Zunächst einmal ändert sich für euch als Nutzer wenig. Temu ist weiterhin erreichbar, die App funktioniert, Bestellungen laufen durch. Die Strafe zielt auf die Plattform selbst, nicht auf die Käufer. Allerdings solltet ihr euch bewusst sein, dass ein erheblicher Teil der angebotenen Produkte nicht den europäischen Sicherheitsstandards entspricht. Das gilt besonders für Elektronik und Kinderspielzeug. Ein Ladegerät ohne CE-Kennzeichnung kann im schlimmsten Fall einen Brand verursachen, Spielzeug mit Schadstoffen oder verschluckbaren Kleinteilen ist eine reale Gefahr für Kinder.
Die Strafe könnte Temu dazu zwingen, seine Kontrollmechanismen zu verschärfen, aber ob das passiert, bleibt abzuwarten. PDD Holdings hat sich bislang nicht öffentlich zur Strafe geäußert. Es ist denkbar, dass die Plattform künftig strengere Filter einführt oder Produkte vor dem Verkauf stichprobenartig prüft. Genauso gut könnte sie versuchen, die Strafe juristisch anzufechten und weiterzumachen wie bisher.
Wie passt das in die DSA-Durchsetzung?
Der Digital Services Act ist das ambitionierteste Regulierungsvorhaben der EU im digitalen Raum seit der DSGVO. Er verpflichtet große Plattformen dazu, Risiken systematisch zu bewerten und Maßnahmen zu ergreifen, um illegale Inhalte und unsichere Produkte zu verhindern. Die Strafe gegen Temu ist die bislang höchste, aber nicht die erste. Meta, TikTok und X wurden bereits wegen verschiedener Verstöße belangt, allerdings mit deutlich niedrigeren Summen.
Die 200 Millionen Euro sind ein Zeichen dafür, dass die Kommission bereit ist, auch gegen Akteure vorzugehen, die nicht in Europa ansässig sind. Das ist wichtig, weil gerade chinesische Plattformen bislang oft unter dem Radar geblieben sind. Gleichzeitig zeigt die Strafe die Grenzen der Durchsetzung: Temu hat keine Niederlassung in der EU, die Muttergesellschaft sitzt in China. Ob und wie die Strafe tatsächlich eingezogen wird, ist offen.
Was kommt als Nächstes?
Die Strafe ist verhängt, aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Temu kann Rechtsmittel einlegen, und es ist gut möglich, dass der Fall vor dem Europäischen Gerichtshof landet. Parallel dazu dürfte die Kommission auch andere Plattformen genauer unter die Lupe nehmen. AliExpress und Shein sind die nächsten Kandidaten, und auch Amazon steht wegen des Verkaufs unsicherer Produkte durch Drittanbieter immer wieder in der Kritik.
Für die Branche insgesamt ist die Strafe ein Weckruf. Wer in Europa Geschäfte machen will, muss sich an europäische Regeln halten. Das klingt selbstverständlich, war in der Praxis aber lange Zeit nicht durchsetzbar. Der DSA gibt der EU erstmals ein wirksames Instrument an die Hand, und die Kommission zeigt, dass sie es nutzen wird.
Bleibt die Frage, ob 200 Millionen Euro ausreichen, um Temu zu einem Kurswechsel zu bewegen. Oder ob die Plattform die Strafe als Kostenfaktor einkalkuliert und weitermacht wie bisher. Was meint ihr: Wird die Strafe Wirkung zeigen, oder ist sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
